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Die MÄRCHEN-HOCHZEIT des Jahrhunderts

Von Batseba N‘Diaye und Hendrik Sodenkamp



Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Land. Dieses Land wurde von einer gütigen und guten Regierung geleitet. In dem Land gab es durch gute Gesetze immer weniger Arme. Die Reichen aber hatten auch nicht viel mehr als die normalen Bürger. Alle waren gleich an Rechten und beteiligten sich in gleichem Maß am Gemeinwesen durch sinnvolle und gerechte Arbeit und im fairen politischen Wettstreit. Jeder Mensch war gleich wichtig und alle hatte gleich viel zu bestimmen.

Dieses Land lebte auch nicht auf Kosten seiner Nachbarn, führte keinen Krieg, begegnete den anderen auf Augenhöhe und schrieb ihnen nichts vor. Deshalb wurde dieses Land von allen geschätzt und alle Bevölkerungen im Aus- und Inland stimmten regelmäßig ab, dass sie mehr Zusammenarbeit wollten. Ein noch größerer Zusammenschluss bedeutete ein noch besseres, gerechteres und freieres Leben für alle Menschen. Und der Zusammenschluss bedeutete noch mehr Frieden.

Da kam eine ganz, ganz schlimme und ganz, ganz neue Krankheit aus einem weit entfernen Land. Zwar hatte die Regierung schon lange Gesetze für den Umgang mit Krankheiten, aber diese Krankheit war so anders und so viel gefährlicher als alle anderen Krankheiten zuvor, dass sie mit ihr nicht wie gehabt umgehen konnte. Das sagte der Rat von besonnenen Ärzten und Weisen.

Alle, wirklich alle die sich auskannten, sagten der Regierung: »Ihr braucht jetzt mehr Macht, um die Menschen zu beschützen.« Die Krankenhäuser waren zwar vorbildlich, die Ärztinnen und Pfleger arbeiteten dort in heilender Gelassenheit mit viel Personal und nur zum Wohle der Menschen, aber es gab einfach gar keine andere Möglichkeit, als dass alle Leute zuhause bleiben, sich vermummen und auf Abstand zueinander gehen mussten. Das sagten alle, wirklich alle, die sich mit Krankheiten aus- kannten.

Da weinte die Regierung sehr, weil sie die Menschen einschränken musste.

Und die Regierung weinte gar sehr. Aber notgedrungen setz- ten sie sich die Krone auf und beendeten die Republik zur Sicherheit von allen.

Die Menschen wussten dabei auch, dass diese Regierung gut war und dass am Ende die Verhältnisse noch besser werden würden als sie vorher schon waren. Denn diese Regierung hatte immer schon an alle Menschen gedacht und nicht nur an wenige Reiche. Deshalb hatten die Menschen nichts da- gegen.

Auch wussten die Menschen, dass die Regierung ihre Macht ohne Zögern und ohne Streit wieder zurückgeben würde, so- bald es ginge. Die Menschen wussten auch, dass die Regie- rung immer offen mit ihnen gesprochen und alle wichtigen Pläne offen gelegt hatte, sodass die Menschen als Gleiche über alle wichtigen Dinge hatten abstimmen können. Au- ßerdem wussten die Menschen, dass ihre Vertreter für sie eintreten würden. Die Arbeitervertreter für die Arbeiter, die Gerichte für das Recht und die Schreiber der Zeitungen und Gelehrten der Universitäten für die Wahrheit. Denn alle wa- ren unabhängig von der Regierung und vom Geld.

Es gab aber 17 bis 20 Menschen, die sagten, dass diese Krankheit gar nicht so besonders sei, dass man gelassener mit ihr umgehen solle und dass die Regierung keine besondere Macht bekommen solle, um so in das Leben der Menschen einzugreifen. Diese Menschen waren ganz eindeutig böse. Man wusste nicht, was falsch mit ihnen war. Waren sie von einer bösen Macht aus einem bösen Land geschickt worden, um Unruhe zu schaffen? Waren sie verrückt? Wollten sie sich bereichern? Oder waren sie einfach dumm? Sie beriefen sich auf Menschen, die sich auch als Ärzte, Juristen, Gelehrte und Beamte ausgaben. Aber diese Leute waren seit alters her schon Quacksalber gewesen. Auch diese Quacksalber waren natürlich böse.

Aber das war ganz gleich. Es war ein gerechtes Land und auch die bösen Menschen waren Menschen. Deshalb beschimpf- te die Regierung diese Menschen nicht. Überall wurden sie, wie immer, als mündige Menschen behandelt. Da machte es gar keinen Unterschied, ob man im Krieg gegen die Krank- heit war oder im Frieden. Und deshalb hatten diese 17 bis 20 Menschen auch keinen Grund sich zu beschweren.

Zum erstmöglichen Zeitpunkt gab die Regierung dann auch ihre neue Macht wieder komplett zurück. Das war, wie ver- sprochen, als die Krankenhäuser nicht mehr an ihre Grenzen kamen. Die Gesellschaft war noch gerechter geworden. Kei- ner hatte mehr verloren als der andere. Die Reichen waren nicht reicher und mächtiger geworden und es gab auch nicht mehr Arme als vorher. Das Gesetz war nicht verändert wor- den und wenn doch, so war es, wie durch Zauberhand, ge- rechter, freier und friedlicher. Wie es in diesem Land immer auch schon gewesen war. So lebten die Menschen im besten aller überhaupt möglichen Länder auf der großen weiten Welt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie dort noch heute.

Ende




Dieser Text erschien in Ausgabe N° 16 am 21. Aug. 2020




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