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Nichts mehr los im Dorf

Die Verödung ländlicher Regionen schreitet munter voran. Digitalisierung und Bargeldabschaffung beschleunigen den Abwärtstrend zusätzlich. | Von Hermann Ploppa

Von Hermann Ploppa

Ich bin gerade in Südfrankreich. Dabei fahren wir häufig durch Orte, wo man kein Geschäft und nicht eine einzige Gaststätte erblickt. Es sind nicht einmal Menschen auf der Straße. Dasselbe Bild natürlich auch in vielen deutschen Regionen. Nicht nur im Westerwald.



Gelegentlich sieht man an Bushaltestellen Gruppen gelangweilter Jugendlicher herumlungern. Kein Wunder. Das Jugendzentrum ist schon lange geschlossen. Im Youtube-Zeitalter sind
selbst die Videotheken und Pornoshops geschlossen. In meiner Schleswig-Holsteinischen Mittelpunktgemeinde gab es im Jahre 2004: ein Rechtsanwaltsbüro, zwei Zahnarztpraxen, eine niedergelassene Ärztin und eine mit echten Personen bestückte Sparkassenfiliale. Heute ist die Arztpraxis wohl noch da. Rechtsanwalt, Zahnärzte und Sparkasse sind weg. Dieser Trend macht ländliche Regionen, die nicht an Großstädte angrenzen, zu Geisterorten.

Warum eigentlich? In Städten gibt es immerhin 22 Prozent Mitbürger, die als »kaufkraftarm« gelten – auf dem Land sind das lediglich 14 Prozent. »Kaufkraftarm« meint: Was bleibt einem eigentlich noch übrig zum Einkaufen, wenn Miete, Strom, Heizung und sonstige laufende Kosten abgezogen sind? Wohnungen sind generell auf dem Land billiger als in der Stadt. Und obwohl die Leute sich in der Stadt weniger leisten können als auf dem Land, streben gerade junge Leute wie vom Magneten angezogen in die großen Städte. Folge: Die Bevölkerung auf dem Land wird statistisch gesehen immer älter und damit auch bezüglich Dienstleistungen immer anspruchsvoller.


LÄNDLICHE
ABWÄRTSSPIRALE


Doch ungeachtet der gehobenen Ansprüche hält die Verödung der ländlichen Gebiete nicht nur unvermindert an. Die Verödung wird sich noch weite beschleunigen. Wer mal eben in sei-
nem Dorf Milch und Butter einkaufen will, hat verloren. Er muss möglicherweise zehn Kilometer bis zum nächsten Lebensmittel-Discounter fahren. Zwischen dem Jahr 1990 und 2017 sind 47.597 Lebensmitteleinzelhändler vom Markt verschwunden. Damit sind in dieser Zeit 87 Prozent aller Geschäfte mit einer Ladenfläche unterhalb von 4.000 Quadratmetern ausgelöscht worden.

Und wer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, hat ebenfalls verloren. Die Kommunen beauftragen private Busfirmen mit Personentransporten. Weil immer mehr Leute auf ihr eigenes Fahrzeug setzen, fahren immer weniger Passagiere mit Bus oder Bahn. Die Linien zu befahren »rechnet sich nicht«. Die Strecken werden mit anderen Strecken zusammengelegt. Nun sind die Strecken noch länger und die Fahrt dauert ewig. Noch weniger Leute fahren mit Bus und Bahn. Was zu weiteren Streckenstilllegungen führt. Gut gemeinte Versuche, mit Sammel-Taxis und -Bussen oder Mitnahmestationen diese Engpässe auszugleichen, sind durch die Züchtung von Corona-Panik erfolgreich vernichtet worden.

Ähnlich desolat sieht es bei der ärztlichen Versorgung auf dem »flachen Land« aus. Arztpraxen schließen reihenweise. Der gute Hausarzt, der in seinem Berufsleben drei Generationen
betreut hat, hört altersbedingt auf –und findet keinen Nachfolger. So rechnet die Bosch-Stiftung vor, dass bis zum Jahr 2035 weitere 11.000 Arztpraxen auf dem Land geschlossen werden. Die jungen Ärzte arbeiten lieber abhängig beschäftigt in städtischen Einrichtungen. Währenddessen werden die Einwohner im ländlichen Raum immer älter. Und damit steigt der Bedarf an ärztlichen Leistungen.


PRIVATISIERUNG
VERNICHTET LEBENSQUALITÄT


Ein wesentlicher Faktor, der die LandVerödung weiter beschleunigt, liegt in der zunehmend schlechten Versorgung der Bevölkerung mit Bargeld. Denn 2005 gab es noch annähernd 50.000 Bankfilialen in Deutschland. Im Jahre 2020 sind davon 24.100 übrig geblieben, und 2025 sollen es noch gerade 16.000 Filialen geben. Und selbst die anonymen Geldautomaten werden wieder abgeräumt. Onlinebanking ist durch Corona noch einmal attraktiver geworden. An die Stelle der Geldautomaten von Banken treten Automaten von Drittanbietern. In Österreich bezahlen Gemeinden eine Art von Schutzgeld, damit die Automaten auch in strukturschwachen ländlichen Regionen aufgestellt werden.

Hierin sehen wir ganz handfeste Gründe für den Niedergang des ländlichen Lebens: In allen Bereichen herrscht der Trend zur Privatisierung öffentlicher Leistungen vor. Öffentlicher Verkehr, ärztliche Versorgung oder die angemessene Bereitstellung von Bargeld werden zunehmend nach dem Profitprinzip abgewickelt. Und Dienstleistung in verstreuten ländlichen Regionen ist nun einmal nicht profitabel genug. Selbst die öffentlich-rechtlichen Sparkassen sowie die genossenschaftlichen Raiffeisen- und Volksbanken werden geführt als handelte es sich um private Universalbanken. Dabei wurden diese beiden Bankenarten dereinst gegründet, um das Geld, das in der Region erarbeitet wird, auch in derselben Region bleibt und dort nutzbringend zum Einsatz gelangt.

Nun ist aber mittlerweile die Dachgesellschaft der Genossenschaftsbanken in eine abgetrennte Aktiengesellschaft verwandelt. Geführt wird diese Dachgesellschaft von ehemaligen Ökonomen der Deutschen Bank. Die Flensburger Sparkasse wiederum verzockte ihre Einlagen hochriskant in großen Krediten – und verlor. Auf diese Weise hörte die Flensburger Sparkasse nach 189 Jahren auf zu existieren. Die Nordostsee-Sparkasse übernahm die Verluste der Flensburger und geriet dabei selber in Schieflage. Hermann Ploppa ist Buchautor
und Chef des Wirtschaftsressorts dieser Zeitung.

Ein weiterer Faktor der galoppierenden Verödung der Fläche dürfte in der massiv vorangetriebenen Digitalisierung liegen. Die Leute sollen nur noch Onlinebanking machen. Jede Lebensäußerung der Menschen draußen im Lande schön dokumentiert und jederzeit abrufbar. Statt Sprechstunde jetzt Telemedizin. Die Patienten lassen sich über Skype vom Doktor beraten. Das soll zudem die Obhut der alten Landärzte komplett ersetzen.


FÜR EINE NEUE
WIRTSCHAFTS- UND SOZIALCHARTA


Was also ist zu tun? Zum einen müssen wir die Kontrolle über die Politik erlangen. Die Erhaltung und der Ausbau des öffentlichen Sektors sind unabdingbar für unsere Lebensqualität. Wo mal eben 100 Milliarden Euro für den Dritten Weltkrieg aus dem Hut gezaubert werden können, da ist auch Platz für die Bewirtschaftung des öffentlichen Raums. Natürlich können wir nicht warten. Wir müssen sofort anfangen. An vielen Orten werden bereits jetzt Einkaufsgenossenschaften gegründet. An anderen Orten sammeln die Menschen Geld, um jungen Ärzten die Eröffnung einer Praxis zu ermöglichen. Der schöpferischen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.


Hermann Ploppa ist Buchautor und Chef des Wirtschaftsressorts dieser Zeitung.




Dieser Text erschien in Ausgabe N° 89 am 06. Mai 2022




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