Versuch, den Terror begreifbar zu machen

Als man uns das Gesicht raubte

Nicolas Riedl
30. Apr. 2020 , No° 3

Die Maskenpflicht ist ein kollektiver Raub unserer Gesichter und damit unserer seelischen Ausdrucksmöglichkeit. Die Maske gibt einer atomisierten Gesellschaft ein Gesicht. Ein einziges.


Zwei Monate nach Fasching und Deutschland ist maskiert. Per Verordnung wurde aus dem Vermummungsverbot ein Vermummungsgebot und der öffentliche Raum zu einem Maskenball. Wer sich dieser Maskerade verweigert, gilt als weit mehr als ein »Corona-Faschingsmuffel«, sondern als moralischer Ausreißer und Gefährder. Obendrein hat dieser Regelbruch rechtliche Folgen. Was bezweckt das verordnete Verdecken zweier Drittel der Gesichtspartie, wenn diese Maßnahme erwiesenermaßen jeglicher gesundheitlicher Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit entbehrt?

»Warum trägst du eine Maske?«. Als Gegenfrage darauf, warum denn hier Stroh liegen würde, war die Masken-Frage 2002 noch Bestandteil eines holprigen Prologs, um den Pornographiestreifen »Achtzehneinhalb 18« einzuleiten. 18 Jahre später ist die gleiche Frage Gegenstand einer tiefgreifenden, ausnahmegesellschaftskritischen Auseinandersetzung. Im Hier und Jetzt folgt wie auch in dem Schmuddelfilm auf die Masken-Frage ein Akt der Erniedrigung, in Form des Selbigen. Dem aufgezwungenen Tragen einer Maske. Das jedoch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

Wohl bemerkt wird im westlichen Kulturkreis das Tragen von Masken nicht zwangsläufig mit einer Form der Erniedrigung assoziiert. Oft strotzen ihre Träger*innen in der Popkultur vor Kraft und das im Guten wie im Schlechten. Seien es Comichelden wie Spiderman oder Batman oder Antihelden wie Darth Vader. Beide Seiten eint das Abhandengekommensein ihrer menschlichen Leibhaftigkeit. Hinter der Maske verbirgt sich entweder der einsame Held wie Bruce Wayne oder Peter Parker oder aber die zertrümmerte Seele eines Anakin Sykwalkers.

Nun haben wir, die zum Maske-Tragen verdonnerten Bürger*innen weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun. Das Tragen dieser Masken verleiht uns weder durch die erhöhten CO2-Werte im Blut, noch durch die eingeatmeten Giftstoffe irgendwelche nennenswerten Superkräfte. Im Gegenteil.

Nicht nur, dass diese Masken allerorts und bei jedem die Assoziation mit Krank-Sein hervorrufen. Mit diesen Masken wird jeder Einzelne von uns Teil einer gesichtslosen Masse.

Hier mögen nun einige widersprechen. Die #WirBleibenZuhause-Influencer*innen und all jene von Grund auf modebewussten Zeitgenoss*innen mögen nun einwenden, man könne doch die Masken in unterschiedlichsten Farben und Mustern kaufen — oder gar nach ganz individuellen Belieben eigenständig kreieren. Eine neue Form der Individualität sei aus der Taufe gehoben. Gegner*innen der Masken verzieren ihren Mundschutz mit einem Kreuz oder mit einem kurzen Satz des Widerspruchs, um ihren Masken-Unmut einen im Wortsinn stummen Protest zu verleihen.

Ganz gleich jedoch, was in welchen Farben auf der Maske steht, bleibt das einheitliche Element unser aller Unvermögen, unter diesen Masken unsere Emotionen zum Ausdruck zu bringen, deutlich zu sprechen, unsere Mitmenschen anzulächeln oder den süßen Duft des Frühlings zwischen den Nasenflügeln durchströmen zu lassen.

Die Mundschutzmaske ist die auf den Leib, beziehungsweise Visage geschnittene Manifestation des Thatcher-Ausrufs »There is no such thing as society« in den 80er Jahren. Die seit dem Einzug des Neoliberalismus zunehmende Atomisierung der Gesellschaft findet in der Maskenpflicht ihren neuen, vorläufigen Höhepunkt.

Nun ist jeder eines jeden Bazillenschleuder. Vorher schon Fremde, werden durch die Masken noch fremder, austauschbarer und bedrohlicher. Wie soll man nun den anderen oder die andere wirklich erkennen, wenn zwei Drittel des Gesichts bedeckt sind? Es verbleiben einzig die Augen als Ausdrucksmittel der Seele. Doch wer guckt heute noch seinem Gegenüber in die Augen?

Es gehört zum Einmaleins der modernen Eroberungskriege, erst die Medien und die Kommunikationsstrukturen zu erobern — oder zu zerstören. Im derzeitigen Fall trachtet die uns beherrschende Obrigkeit nicht danach, ein Land zu erobern, sondern Herz und Hirn von uns aller Menschen. Entsprechend genießt die Störung unserer zwischenmenschlichen Kommunikation höchste Priorität. Dies gelingt durch die Implementierung eines Störsenders – die Masken – zwischen dem Austauschen unserer Affekte vermittels unseres Gesichtsausdrucks.

Unsere Gesichter sind der zentrale Mittelpunkt unserer seelischen »Kommunikationsorgane«, sprich die Augen, der Mund, die zu Falten gerunzelte Stirn. Wenn wir emotional gar arg erregt sind, geben unsere bebenden Nasenflügel gleichfalls Auskunft über unseren Gemütszustand. So beschrieb der amerikanische Soziologe Richard Sennett bereits 1986 – als hätte er die derzeitige Situation antizipiert – in seinem Werk Verfall und Ende des öffentlichen Lebens: »Eine Grenze zwischen dem inneren Charakter und der augenblicklichen äußeren Erscheinung [im Gesicht, Anm.] ist nicht erkennbar; [...] Maskierung gibt es nicht; jede Maske ist ein Gesicht« (S. 186).

Unser nun verdecktes Gesicht ist ein direkter Spiegel der eigenen Seele. Die Masken machen uns, die Bevölkerung, zu einer nach außen hin seelenlosen Masse. Eine Masse, die in ihren Mitmenschen keine Verbündeten mehr sieht. Und die bisherigen Freunde entfremden zunehmend im Lockdown durch die einzig digital erfolgenden »Begegnungen« bar jeden physischen Kontakts, da wir sie nun nur noch als mit blecherner Stimme sprechende, verpixelte Gesichter wahrnehmen.

Über jene, die sich dieser Entmenschlichung verwehren – durch ihren Verzicht auf eine Maske sind sie in der Menge schnell ausgemacht – wird ein Kübel mit Hass und Verachtung ausgekippt. Etliche stolze, sich als pflicht- und verantwortungsbewusst erachtende Maskenträger*innen schäumen vor Wut, ob des Anderen Mut und Rebellionsbereitschaft, derer zu getrauen sie selber nicht in der Lage sind.

Statt die Wut auf sich selber zu richten, wird sie auf die Nächsten projiziert. Als Lebensgefährder*innen werden sie dann tituliert. Die Gefährder*innen eines Lebens, das das Leben fürchtet.

Diese Maske; vielleicht – aber wirklich auch nur vielleicht – bewahrt sie uns vor vor dem Virus-Tod. Doch bevor wir einem Virus erliegen, sterben wir zahlreicher anderer Tode. Im übertragenen, wie im wörtlichen Sinne. Im wörtlichen Sinne sterben wir dem Tod durch Vereinsamung, Suiziden, materieller Verelendung, des Bewegungsmangels und dem Tod durch die Angst. Im übertragenen Sinne sterben wir dem sozialen und kulturellen Tod durch »Social-Distancing«, und der Desertifikation der Kulturlandschaft.

All dies opfern wir – gezwungenermaßen – um das einzig todsichere im Leben hinauszuzögern. Den Tod. Der Tod, der — Stand 1. April 2020 — in 99,7 Prozent der Fälle nicht wegen Corona an unsere Tür klopfte. Über die historisch beispiellose Unverhältnismäßigkeit der Maßnahme angesichts vielfach todbringender und von den Lenker*innen dieser Welt billigend in Kauf genommene Todesursachen ließe sich nun auch seitenweise schreiben. Dies sei hier lediglich angemerkt, um noch einmal in aller Klarheit zu verdeutlichen, dass der Maskenzwang vieles, aber nicht den Schutz unserer Gesundheit bezwecken soll.

Machen wir uns doch folgendes in aller Deutlichkeit bewusst: Den Menschen wird eine Maske auf das Gesicht gestülpt, weil das System seine Maske hat fallen lassen. Die Eliten verlieren ihre Maske und so nehmen sie uns das Gesicht.

Es gilt, dass wir uns von der Maske emanzipieren müssen. Im zweifachen Sinne. Die uns aufgezwungene Mundschutzmaske – gegen deren Zwang bereits Klagen laufen, deren Kläger willens sind, durch alle Instanzen zu gehen – aber auch der Maske des Systems, welches uns die Maske als wahrhaftiges Gesicht verkaufen möchte.

Werfen wir hierzu einen Blick ausgerechnet in die Diskographie des Rappers Sido. 2004 erschien sein Debütalbum »Maske«, zwei Jahre später erschien das Album »Ich«, im Zuge dessen er seine Maske abnahm und sein Gesicht der Öffentlichkeit preis gab. Wieder zwei Jahre später erschien das Album »Ich und meine Maske« und letztes Jahr dann das neueste Album »Ich & keine Maske«. Sidos musikalischer Werdegang kann durchaus eine symbolische Inspiration liefern, zu unserer eigenen Wahrhaftigkeit zurückzufinden, uns aus der Opferrolle, der Rolle eines Menschen zu emanzipieren, der in dem neoliberalen Wirtschaftssystem einzig auf seine gewinnbringende Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt reduziert wird. Sido beginnt seine Karriere als amoralischer Rüppelrapper und entwickelt sich nach Ablegen der Maske – ein halber Totenschädel – von Album zu Album zu einem Mensch, dem echte moralische Werte wichtiger sind als Prunk und Klunker.

Wir erleben gerade das, was die Mexikaner alljährlich als den Tag der Toten, Día de Muertos feiern. Dieses bereits in der Phase spätrömischer Dekadenz angelangte System ist im Sterben befindlich, seine Gefolgschaft verweigert diesem bereits in Scharen den Gehorsam.

Auch an diesem genannten Tag der Toten findet eine Maskerade statt, die den Tod als festen Bestandteil des Lebens zelebriert, darin aber auch einen Neubeginn sieht. Nach dieser Feierlichkeit werden die Masken wieder abgenommen.

Auch nach unserer derzeitigen Krise – die Totenmesse eines Systems – werden wir die Masken wieder abnehmen. Entscheidend ist, dass wir wissen, in was für einer Welt wir leben möchten. Denn wir werden, wenn wir uns nicht länger den Schneid abkaufen lassen, die Gestalter*Innen dieser neuen Welt sein und es ist an uns, diese Welt auf allen Ebenen mit Gerechtigkeit, Fülle, Geschwisterlichkeit zu füllen. Auf dass das Gesicht dieser Welt von einer solchen Schönheit sein wird, dass es jeder Notwendigkeit entbehrt, dieses mit einer Maske zu verhüllen.


Der Autor Nicolas Riedl, Jahrgang 1993, ist Journalist, Dokumentarfilmer und Student der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen.