»RAUS AUS DEM DGB, REIN IN EINE ECHTE GEWERKSCHAFT!«

Die Demokratiebewegung baut ihre eigene Vertretung der Lohnabhängigen auf.

Anke Wolff
18. Sep. 2020 , No° 20

DIE DGB-GEWERKSCHAFTEN HABEN SICH ALS BEIBOOT DER REGIERUNG UND DES GLOBALEN GROSSKAPITALS ERWIESEN.


SEIT JAHRZEHNTEN LIESSEN SIE BEREITS ERNSTHAFTE ARBEIT FÜR UNS SCHLEIFEN, DAFÜR ABER FÜRSTLICH VON UNS BEZAHLEN.


UNTER CORONA STELLEN SIE SICH OFFEN GEGEN ALLE ARBEITERINNEN, ANGESTELLTE, FREIBERUFLER, GEWERBETREIBENDE UND TAGELÖHNER.


DESHALB FAND AM 02. AUGUST 2020 DAS GRÜNDUNGSTREFFEN DER DEMOKRATISCHEN GEWERKSCHAFT (DG) IM BERLINER MAUERPARK STATT.


NOCH AM ABEND HABEN SICH SEHR ERFAHRENE GEWERSCHAFTERINNEN ANGESCHLOSSEN. 


Dies ist ein Aufruf zur Reformation basisdemokratischer Mitbestimmung und Mitgestaltung von unten nach oben. Wir bauen eine neue Gewerkschaft auf, eine echte Gewerkschaft.


Am 1. August 2020 wurde in Berlin eine neue Gewerkschaft gegründet, die Demokratische Gewerkschaft (DG). »Wozu brauchen wir eine weitere Gewerkschaft« mag sich mancher Leser, manche Leserin nun fragen: »Wir haben in Deutschland doch jede Menge davon!«

Nun ja. Doch unsere Gewerkschaften unter dem Dachverband des DGB sind in die Jahre gekommen, fett geworden und träge. Die Nähe zum arbeitenden Mitglied ist den Arbeitnehmervertretungen weitgehend abhanden gekommen. Gewerkschafts- und Betriebsratsvorsitzende vieler mitarbeiterstarker Betriebe haben ihre Blaumänner gegen Nadelstreifenanzüge getauscht und sitzen mit Arbeitgebern am Tisch, handeln Jahr für Jahr Lohn- und Gehaltserhöhungen oft unter dem Inflationsniveau aus und üben sich in Medienpräsenz wie Politiker und Prominente.


KRÄFTIG DURCHORGANISIEREN


Ihre Mitglieder und Kollegen kennen sie aber schon lange nicht mehr persönlich, auch nicht deren Nöte, Sorgen und Wünsche, noch ihre Bedürfnisse am Arbeitsplatz. Anomym geworden sind sie, unsere ArbeitnehmervertreterInnen, entschwunden zum Olymp der »Großen«, vermeintlich »Wichtigen«.

Viele Mitglieder sind ebenfalls träge und untätig, zu stillen Duldern geworden und vielfach in die Opferrolle geraten: Es wird gejammert und gestöhnt und beinahe jede Tirade endet mit dem Satz: »Aber wir können ja doch nichts dagegen tun...«

An der Basis haben viele schon seit langem Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie den Mund aufmachen. Die Mitgliedsbeiträge sind vielen mit Einkommen, die nicht allzu weit über dem Existenzminimum liegen, zu hoch im Verhältnis dessen, was die Mitgliedschaft an Vorteilen und Sicherheit bringen mag. Und so schwinden allmählich die Mitgliederzahlen dahin und echte Gewerkschaftsarbeit wird immer weniger möglich.

Gemeinschaft und Arbeitnehmervertretung sieht anders aus, denken viele und bleiben ohne Gewerkschaftsvertretung. Die Unzufriedenheit ist ein ständiger Begleiter geworden. Arbeitskampf findet am Verhandlungstisch statt und nicht mehr auf der Straße. Kompromisse sehen seit Jahren so aus, dass der Arbeitnehmer mit geringen Anpassungen zufrieden sein soll. Wenn er beziehungsweise seine Gewerkschaftsvertretung kein Veto einlegt, wenn die Verbände immer weniger Mitglieder vorzeigen können, ist das die oft armselige Konsequenz. Dazu kommt dann, dass Verbesserungen der sozialen Absicherung, der Arbeitsbedingungen, der Arbeitszeit oder der Belastungssituation durch Stress und Druck oft ausbleiben, weil sowohl die ArbeitnehmerInnen als auch die Interessenverbände und deren gewählte VertreterInnen sich scheinbar ihrer Wichtigkeit im sozialen Gebinde nicht (mehr) in aller Deutlichkeit bewusst sind, beziehunsgweise ihre (Un-)Wichtigkeit verstärken, statt sie täglich unter Beweis zu stellen, indem sie für ihren Auftrag, ihre Werte einstehen.

Seitens der Industrien und Arbeitgeberverbände wird immer wieder damit argumentiert, dass jeder Verbesserung auf Seiten der Arbeitnehmerschaft mit Verringerung der Arbeitsplätze geantwortet werden müsse. Begründung der Gewerkschaftsverbände für ihr Einlenken ist dann sofort: »Wir müssen Arbeitsplätze erhalten!«

Wo bleibt die Erhaltung und Schaffung menschenwürdiger, lebenswerter Arbeitsplätze, mit denen sich der Einzelne identifizieren kann? Wo bleibt die angemessene Wertschätzung der Industrie, der Betriebe und auch der Allgemeinheit?

Allgemeiner Grundtenor in der arbeitenden Bevölkerung ist seit langem, »man muss ja schließlich arbeiten!« — um Geld zu verdienen, damit der nächste Urlaub Dich wieder fit macht, ein weiteres Jahr freudloser, möglichst verantwortungsarmer und wenig begeisternder Beschäftigung zu überstehen?

Arbeitgeberverbände winken bei jeder – wie auch immer gearteten Forderungmit Massenentlassungen und so knicken die Lohnerhöhungen meistens im einstelligen Prozentbereich ein, wo der Arbeitnehmer im unteren Lohnsegment Zuwächse in Größenordnungen eines Briefportos traurig betrachtet, während die Unternehmer Reingewinne im mehrstelligen Prozentrang einstreichen.

Das geht seit Jahren so! Genau genommen seit den 1980er Jahren! Habt Ihr das vergessen, liebe ArbeitnehmerInnen, liebe GewerkschafterInnen?


LIEBE IN ZEITEN DER CORONA


Fast 40 Jahre werden wir nun schon mit kleinsten Bröckchen abgespeist. Die von den Altvorderen erstreikten Errungenschaften im Arbeitsrecht verschwinden mehr und mehr durch die Hintertür der Manteltarifverträge. Arbeitszeit, Lebensarbeitszeit, soziale Errungenschaften, Urlaubs- und Weihnachtsgeld werden zugunsten einer Gewinnbeteiligung und zum Vorteil nur Weniger nach und nach verhökert.

Gewinnausschüttungen der Konzerne werden durch diverse marktwirtschaftliche Raster buchstäblich gefiltert, in denen viel Kapital hängen bleibt und erst der Bodensatz wird an an die Mitarbeiter ausgezahlt, die diese Brosamen dann auch noch versteuern müssen. Echten Arbeitskampf gibt es schon lange nicht mehr. Ein Wink mit Massenentlassungen reicht auch hier meist aus, um Gewerkschafter in Schreckstarre zu versetzen.

Was bitte wollen aber die Unternehmen denn unternehmen, wenn gestreikt wird?

Denkt doch einmal weiter als das, was die Arbeitgeber, die Politiker und die Kollegen Euch zu denken erlauben wollen: Woher will denn eine gesamte bestreikte Branche innerhalb weniger Tage oder Wochen unzählige ausgebildete und eingearbeitete ArbeitnehmerInnen nehmen, wenn diese sich einig sind, fest bleiben in ihren Forderungen und erst nach erfolgreichen Verhandlungen den Streik beziehungsweise den Arbeitskampf beenden?

Es gehörte einst zum Arbeitskampfritual, gegenseitig heftige Drohungen auszutauschen, zu ringen um jede Forderung und erst bei einem soliden Konzept den Arbeitskampf friedlich und zufrieden gemeinschaftlich (!) zu beenden. Das Wort »Kampf« ist überhaupt nicht gleichzusetzen mit »Krieg«! Denn »Arbeitskampf« darf übersetzt werden mit: »ArbeitnehmerInnen treten (vehement) für sich und einander ein!«

Zahlenmäßig sind ArbeitnehmerInnen immer noch eine große Mehrheit! Dessen werdet Euch wieder bewusst, liebe Kolleginnen und Kollegen — ohne uns geht gar nichts. Für alle, die an gute alte Gewerkschaftszeiten anknüpfen wollen, die echte Gewerkschaftsarbeit und Arbeitnehmervertretung aus der Basis an der Basis und mit der Basis wollen, dürfte die Demokratische Gewerkschaft DG eine junge und echte Alternative werden. HiersollderArbeitnehmerwiedermit den Kollegen der Gewerkschaft auf Augenhöhe über seinen Alltag auf Maloch, auf Statin, im Büro, auf Wache, generell im Job sprechen können.

Hier sollen ehrliche, greifbare und jedem nachvollziehbare demokratische Strukturen entstehen, die zwar Eure Mitarbeit und nicht nur Eure Mitgliedsbeiträge benötigen, die Euch dafür aber echte basisdemokratische Vertretung, Schulung und harte aber faire Arbeitskämpfe um Verbesserungen bieten werden.


NIEMAND KOMMT UNS RETTEN


Wenn die abgenutzten bisherigen Strukturen nicht mehr zum Erfolg und zur Verbesserung auf breiter Linie führen können, wenn Vertreter der Arbeitnehmerschaft keine Vertreter mehr sind, dann erschaffen wir diese eben neu! Ideale und Tugenden und Würde zu beanspruchen, ist wieder »in«! Demokratische Arbeit ist etwas für jeden von uns! Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten (!) viel zu viel abnehmen lassen.

Es war so bequem, es uns gut gehen zu lassen. Tatsächlich aber geht es uns doch gar nicht mehr so gut. Beinahe unmerklich hat ein Verfall der sozialen und demokratischen Grundlagen eingesetzt, der immer mehr Fahrt aufnahm und nun in der Zerstörung und den totalen Verfall unter dem Stichwort »Corona« gemündet ist. Worauf wartet Ihr?

Wenn ein Wunder nicht ohne Mithilfe geschehen will, dann lasst uns das Wunder mit unserem solidarischen Zusammenschluss auf einen guten Erfolgskurs bringen und erschaffen, liebe Mitstreiter und Mitstreiterinnen! Jeder wird gebraucht, jeder ist wichtig und jeder kann seinen persönlichen Beitrag leisten.

Wenn wir wieder echte GewerkschafterInnen werden, die mehr tun wollen als monatlich ihren Beitrag abbuchen zu lassen und alle paar Jahre den Betriebsrat mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel zu bestätigen, werden wir wieder erstarken und uns unseres Wertes in diesem System bewusst werden.

DAS MÜSSEN WIR SCHON SELBER TUN

Wir werden »denen da oben« wieder näher rücken, weniger „»die hier unten« sei, sondern das Gefühl spüren, als ein jeder von uns gleich wichtig und wertvoll zu sein, ganz gleich, wo wir stehen. Demokratie ist wie ein lebender Organismus, der Bewegung und aktives Mithelfen von jeder und jedem benötigt!

Untätigkeit, Desinteresse und fehlende Beteiligung aber führt zum Verfall all dessen, was uns unser Leben und unseren Alltag lebenswert macht! Wir sind (noch) keine Arbeitssklaven und auch keine Marionetten, wenn wir uns daran erinnern, dass wir das Volk sind und als Volk nicht nur das Recht zur Mitgestaltung haben, sondern, dass es unsere (heilige) Pflicht ist, dies zu tun! Allen, die Gewerkschaftsarbeit als reine Betätigung in der Arbeitswelt betrachten mögen, sei gesagt: Basisdemokratisches Handeln endet nicht an den Werkstoren!


»REINEN TISCH MACHT MIT DEN BEDRÄNGERN!«


WerdenwirunsunseresWertesund unserer Würde wieder bewusst, so wird sich das auf alle Lebensbereiche erstrecken. Alle Ebenen werden wieder für sich und ihre Vorstellungen eintreten, ganz gleich, ob in der Schule, wo sich Eltern, Schüler und Lehrer friedlich, gewaltfrei und selbstbewusst erheben werden, also gemeinsam für ihr Wohl einstehen. Die Familie mag als kleinste soziale Einheit wieder eine liebevolle, stabile, selbstbestimmte Einheit sein und nicht ein wertloses, unwichtiges, konsumorientiertes Funktionskonstrukt, das einer gnadenlosen Wirtschaftsstruktur unterworfen ist.

Gewerkschaftsarbeit bietet uns allen ein Fundament, unser soziales Miteinander wieder neu zu erschaffen, uns aus unserer »Opferrolle« heraus zu begeben. »Täter« sind meist nur Täter, wenn es Opfer gibt, die sie Täter sein lassen!

Wer weder Opfer noch Täter will, darf im vollen Bewusstsein seiner und der unveräußerlichen Würde des Einzelnen – jedes Einzelnen! — zum echten Miteinander kommen. Einheit heißt einig sein, ohne gleichmachen zu wollen! Gleichheit heißt sich seiner Individualität innerhalb einer Gemeinschaft bewusst zu sein! Freiheit heißt, immer eine freie Wahl zu haben.


Wir sind es WERT! Kommen wir zum TUN! 




VORWÄRTS GEHT ES HIER: DEMOKRATISCHE GEWERSCHAFT.DE