»Science Fiction«

Jill Sandjaja
23. Apr. 2020 , No° 2

Diesmal lese ich etwas vor. Und zwar eine Geschichte aus dem Papier »Scenarios for the Future of Technology and International Development der Rockefeller Foundation und dem Global Business Network« aus dem Jahr 2010.


In diesem Papier werden vier Szenarien durchgespielt, wie sich die Welt und damit die Technologie verändern wird. Diese Geschichte ist aus dem Szenario »Lock Step – Eine Welt mit verstärkter obrigkeitsstaatlicher Kontrolle, autoritärer Führung, wenig technischer Innovation und Zurückdrängen der Bürgerrechte«. Ausgelöst wird dieses Szenario durch eine weltweite Pandemie, Quarantänemaßnahmen und die Schließung von Grenzen. Ich übersetze im Folgenden aus dem Englischen. Hört einfach mal zu. Es geht um Öko-Diktatur.

»Manisha blickte auf den Ganges, fasziniert von dem, was sie sah. Als sie 12 Jahre alt war, im Jahre 2010, hatten ihre Eltern sie an diesen Fluss gebracht, damit sie sich in seinem heiligen Wasser baden konnte.

Aber Manisha stand am Flussufer und bekam Angst. Es war nicht die Tiefe des Flusses oder seine Strömungen, die sie erschreckt hatten, sondern das Wasser selbst: es war trüb und braun und, roch scharf nach Müll und toten Dingen. Manisha hatte sich geweigert, aber ihre Mutter schob sie nach Vorne und schrie sie an: ›Dieser Fluss entspringt aus den Lotusfüßen von Vishnu. Es soll dir eine Ehre sein, ihn zu betreten!‹

So wie Millionen von Hindus, glaubte ihre Mutter, dass das Wasser des Ganges die Menschen reinigen, von der Seele aller Sünden befreien und sogar ihre Krankheiten heilen könne. Also tauchte Manisha widerwillig ein und verschluckte versehentlich das Wasser des Flusses. Dabei bekam sie einen schlimmen Fall von Giardiasis, eine Infektion des Verdauungstraktes. Die Folge war monatelanger Durchfall.

Wir schreiben das 2025. Manisha steht wieder am Fluss und erinnert sich an damals. Sie ist nun 27 Jahre alt und Managerin der Reinigungsinitiative des Ganges im Auftrag der indischen Regierung (GPI). Bis vor kurzem war der Ganges noch einer der am meisten verschmutzte Flüsse in der Welt. Der Pegel der coliformen Bakterien schoß astronomisch in die Höhe aufgrund der häufigen direkten Entsorgung in den Fluss von Menschen- und Tierleichen sowie von Abwasser (Stand 2010: 89 Millionen Liter pro Tag).

Dutzende organisierte Reinigungsversuche des Ganges waren im Laufe der Jahre gescheitert. Im Jahr 2009 hatte die Weltbank Indien sogar 1 Milliarde US-Dollar zur Unterstützung der milliardenschweren Sanierungsinitiative der Regierung ausgeliehen. Aber dann traf die Pandemie ein und diese Finanzierung versiegte. Was aber nicht versiegte, war das Engagement der Regierung für die Reinigung des Ganges – sie war jetzt nicht nur eine Frage der öffentlichen Gesundheit, sondern zunehmend verbunden mit dem Nationalstolz.

Manisha war 2020 zum GPI gekommen. Zum Teil, weil sie so beeindruckt war von der starken Haltung der Regierung, die sich zur Wiederherstellung der ökologischen Gesundheit Indiens meistgeschätzter Ressource einsetzte. Viele Menschenleben in ihrer Heimatstadt Jaipur waren durch die Quarantäne der Regierung während der Pandemie gerettet worden.

Diese Erfahrung, dachte Manisha, hat der Regierung das nötige Selbstvertrauen gegeben, so streng mit der Nutzung von Flüssen umzugehen wie jetzt: wie sonst könnten sie Millionen indischer Bürger dazu bringen, ihre kulturelle Praktiken in Bezug auf eine heilige Stätte völlig zu verändern? Rituell verbrannte Körper wegwerfen im Ganges war jetzt illegal, strafbar mit jahrelanger Gefängnisstrafe. Firmen, die erwischt wurden, Abfälle jeglicher Art in den Fluss zu werfen, wurden sofort von der Regierung geschlossen.

Es gab auch strenge Einschränkungen, wo Menschen baden und wo sie Kleidung waschen durften. Alle 20 Meter entlang des Flusses wurde ein Schild »Missachtung von Indiens wertvollster Natur« aufgestellt, um die Auswirkungen zu umreißen. Natürlich hat es nicht jedem gefallen. Von Zeit zu Zeit kam es zu Protesten. Aber niemand man konnte leugnen, dass der Ganges schöner und gesünder aussah als je zuvor.

Manisha sah zu, wie ein Ingenieursteam begann, Ausrüstung an den Ufern zu entladen. Viele indische Spitzenwissenschaftler und Ingenieure waren von der Regierung angeworben worden, um die Entwicklung von Werkzeugen und Strategien zur Reinigung des Ganges auf Hightech-Weise voranzutreiben.

Ihr Favorit waren die Tauchbots, die ständig durch den Fluss schwammen, um mit ihren Sensoren das Vorhandensein chemischer Krankheitserreger zu entdecken. Auch sehr imposant waren neue Flussfiltrationssysteme, die aussahen wie kleine Tempel. Sie saugten schmutziges Flusswasser ein und spuckten weitaus saubereres Wasser aus. Deshalb war Manisha heute am Fluss, um die Installation eines Filtersystems zu überwachen.

Es ist nicht einmal 100 Fuß von dem Standort entfernt, wo sie zum ersten Mal als kleinens Mädchen den Ganges betreten hat. Das Wasser sieht jetzt viel sauberer aus und jüngste Tests deuteten darauf hin, dass es bis 2035 sogar die Trinkbarkeitsstandards erfüllen könnte. Manisha war versucht, ihren Schuh auszuziehen und ihren Zeh einzutauchen, aber dies war jetzt ein eingeschränkter Bereich — und ausgerechnet sie würde dieses Gesetz niemals brechen.«